Quelle Challenge Roth 2004

226 km zu Wasser, auf dem Rad und zu Lande

Ein Mikrofon! Irgendwo im Triathlon-Park von Roth mußte doch ein Reporter sein, dem ich all das Wichtige, das ich zu sagen hatte, in sein Mikrofon diktieren könnte!
War die gesamte Weltpresse in Portugal, um Ottos Griechen beim Endspiel der Fußball-EM zuzusehen? In Frankreich, wo an diesem Wochenende die Tour de France begann? Beim Wimbledon-Finale? Obwohl das Alles doch vollkommen unwichtig war im Vergleich damit, daß ich an diesem 4. Juli 2004 im Mekka des europäischen Triathlons die Ziellinie überquerte.

Aber der Reihe nach.

Aus einer Mischung aus Selbstüberschätzung und Abenteuerlust heraus hatte ich mich entschlossen, in diesem Jahr einen langen Triathlon mitzumachen, und zwar den Klassiker schlechthin, im mittelfränkischen Roth. "Lang" bedeutet, 3,8 km zu schwimmen und 180 km Rad zu fahren, bevor man einen Marathon läuft - landläufig bekannt auch unter dem Namen Ironman. Wobei Roth seit 2002 (seit einem Zwist mit den Ironman-Machern) halt nicht mehr "Ironman" heißt, sondern "Quelle Challenge"; und man sich in Deutschland für den Ironman Hawaii nicht mehr in Roth qualifizieren kann, sondern beim Opel-Ironman in Frankfurt, der regelmäßig eine Woche nach Roth stattfindet.

Mit einer Mischung aus Freude am Sport und Todesverachtung hatte ich monatelang mit einer mich selbst erschreckenden Konsequenz trainiert (meine Schwimmer-Karriere mit derart regelmäßigem Training liegt ja doch schon zwei Jahrzehnte zurück). Ich war zum Schwimmen (was ich ja schon kann) und zum Laufen (was ich nie lernen werde) gegangen, war schon im März über tausend Kilometer auf Mallorca herumgeradelt, war in den darauffolgenden Monaten viele Stunden auf dem Fahrrad gesessen und noch mehr geschwommen und noch mehr gelaufen. Ich hatte stets versucht, Gleichgesinnte zum Mittun zu bewegen - wohlwissend, daß mir das helfen würde, den inneren Schweinehund zu besiegen. Und ich hatte versucht, Andere auszuhorchen, ob die vielleicht mehr trainiert hätten - wohlwissend, daß deren Antworten entweder Mitleid-erheischend untertrieben waren oder Angst-einflößend übertrieben - auf jeden Fall aber geschwindelt.

Mit einer Mischung aus Fatalismus und Nervosität war ich also am 3. Juli nach Roth gefahren, hatte meine Startunterlagen abgeholt, mein Fahrrad eingecheckt (nicht ohne es zuvor noch fünfmal von vorne bis hinten zu kontrollieren), die obligatorischen Nudeln vertilgt und mir überlegt, was ich wohl alles vergessen hätte.

Schließlich war ich am Sonntag früh um vier aufgestanden und hatte kapiert, daß es nun kein Zurück mehr gab. Ich hatte mir kurz nach Sonnenaufgang mit Mühe einen Weg zur Startzone gebahnt - mit Mühe, weil sonntags früh um halb sechs schon so viele Zuschauer auf der Brücke über unsere Schwimm-"Bahn", den Rhein-Main-Donau-Kanal, standen, daß ein Durchkommen schwierig war. (Übrigens ist das kein Schreibfehler: Beim Rother Triathlon wird nicht nur halb Mittelfranken für den Autoverkehr, sondern mit dem Rhein-Main-Donau-Kanal auch eine Bundesfernstraße für die Schiffahrt gesperrt). Ich hatte die Ausrüstung, die man bei einem "normalen" Triathlon vielleicht fünf Mal kontrolliert, mindestens zehn Mal geprüft. Und ich hatte die erste - nicht die letzte - Gänsehaut des Tages bekommen, als ein New Yorker Feuerwehrmann - im Rahmen der Veranstaltung wurde auch die Tri-Weltmeisterschaft der Feuerwehrleute ausgetragen - in einer kurzen Ansprache diesen Tag seinen Kollegen widmete, die am 11. September ums Leben gekommen waren. Ich hatte mich schließlich in die Schlange vor den rd. einhundert Dixi-Toiletten eingereiht - um dann an der Reihe zu sein, als mein Start schon beinahe bevorstand und die letzten Reste Klopapier ... na, lassen wir das.

Ich hatte mich - wieder mit Mühe, weil zwischen 6.30 und 8.00 Uhr etwa 2.600 Aktive in elf Startgruppen auf die Strecke geschickt wurden - zur Startzone vorgearbeitet, um festzustellen, daß meine Startgruppe schon im Wasser auf den Start wartete. Ich war ebenfalls in den Kanal gestiegen und meiner Gruppe - für die dann der Startschuß fiel, ehe ich an der Startlinie war - hinterher geschwommen. Eigentlich keine schlechte Sache, da ich so keine Zeit hatte, um noch viel nachzudenken, und da ich auf diese Weise viele Athleten überholen konnte - ein Erlebnis, das man als Schwimmer beim Triathlon sonst nicht oft hat.

Ich war also den Kanal rauf und wieder runter geschwommen. Ich hatte mich nach knapp einer Stunde auf's Rad geschwungen, war die erste Runde viel zu schnell losgefahren, was mir aber erst auf den zweiten 90 km schmerzhaft bewußt wurde. Und obwohl ich beim Absteigen vom Rad glaubte, keine hundert Meter mehr gehen zu können, bin ich dann noch 42.195 Meter gelaufen. Naja, Laufen ist vielleicht der falsche Begriff - ein Viertel der Laufstrecke hatte ich doch eher zum Volkswandertag umgestaltet.

Und nun war ich also da. Lief in den Triathlon-Park, lief über die Ziellinie, streckte die Arme in die Luft - und fand kein Mikrofon, um all das zu berichten, was in der klassischen Sport-Berichterstattung kaum Erwähnung findet und was man sich auch nur schwer vorstellen kann, wenn man nicht selbst dabei war:

Ich hätte berichtet vom Engagement der 3.900 Helfer, die den 3.700 Teilnehmern (gemeldet waren gut 2.000 Einzelstarter und 567 Staffeln) gegenüberstanden. Beim Ausstieg aus dem Wasser, in den Wechselzonen, an den über dreißig Verpflegungsstellen, natürlich hinter dem Ziel - überall streckten sich einem ein Paar, nein: Dutzende von hilfreichen Händen entgegen, um zu helfen, aus dem Kanal zu krabbeln, den Wechselbeutel zu finden, den Neopren-Anzug einzupacken, das Rad wieder loszuwerden, die Socken anzuziehen, um einem Getränke, Bananen, Kekse, Schwämme und was weiß ich noch alles zu reichen - die Aufzählung von Kleinigkeiten könnte so weitergehen. Ganz zu schweigen von den geschätzten drei Hundertschaften von Polizisten, den Feuerwehrlern, Sanitätern, Wasserwachtlern usw., die an jeder Ecke standen und fast nichts dem Zufall überließen. Und jeder war freundlich, versuchte zu motivieren, lachte einen an, bot seine Hilfe an - einfach großartig.

Ich hätte berichtet von einem begeisterten und begeisternden Publikum - in diesem Jahr standen 130.000 Menschen an der Strecke - und einer schlicht unbeschreiblichen Stimmung.
Am Solarer Berg (ein sich auf 2 km hinziehender Hügel am Ortsausgang von Hilpoltstein mit ca. 10% Steigung) stehen die Zuschauer so eng, daß ein Überholen völlig unmöglich ist (wer schon mal mit mir einen Berg hochgefahren ist, weiß allerdings, daß das für die Fahrer hinter mir bedauerlicher war als für mich). Die Straße ist voller Menschen, die erst im letzten Moment eine Gasse frei machen; man radelt durch ein mehrreihiges Spalier von Leuten, die auch beim 2.000. Radfahrer noch einen Lärm machen, wie er bei der Tour de France nicht intensiver unter die Haut gehen kann. Man hat eine Gänsehaut, wird von den Anfeuerungs-Rufen die Steigung hochgetragen - diese Begeisterungs-Welle läßt einen den Berg beinahe hochfliegen. Erst oben merkt man, daß man gar nicht ganz runtergeschaltet und einen viel zu großen Gang getreten hat.

Ich hätte berichtet von den vielen Leuten, die mir auf der Laufstrecke auf gut Fränkisch ihr "Baddrigg, Du schaffst des" entgegenriefen (wofür hat man denn die Startnummer mit Namens-Aufdruck auf dem Bauch) - nur diesem Publikum zuliebe läuft man weiter und verdrängt die Gedanken an die eigenen Oberschenkel und ein Aufhören. Daran konnte auch der kleine Junge nichts ändern, der, als ich gerade mal wieder stehen blieb, um die Beine zu dehnen, fachmännisch feststellte: "Papa, schau mal, der kann nicht mehr!" Dem Papa war es übrigens peinlicher als mir - bis zum Ziel waren es da nur noch knapp 30 km.

Ich hätte auch berichtet von den zwar wenigen, aber unendlich wichtigen Personen, die an der Strecke standen und wirklich wegen mir (zumindest: auch wegen mir) von München bis nach Roth gekommen sind, um ein paar hundert Meter mitzulaufen, mich zu motivieren und die Daumen zu drücken. Und mich bei Ihnen ebenso bedankt wie bei denen, die mich den ganzen Tag virtuell begleitet (im Internet konnte man mit nur wenigen Minuten Zeitverzögerung verfolgen, wann jeder einzelne Teilnehmer die diversen Kontrollstellen passierte) und mitgefiebert hatten.

Auch wenn ich äußerlich wohl nicht immer den Eindruck machte - ich habe jeden einzelnen dieser zweihundertundsechsundzwanzig Kilometer von Roth genossen.

Inzwischen weiß ich, daß durchaus Reporter in Roth waren. Mit Mikrofonen. Aber die haben sie dem Sieger zum Interview hingehalten, der mehr als dreieinhalb Stunden vor mir die Ziellinie überquert hatte. Oder Einigen der 869 Athleten, die nach ihm und vor mir ins Ziel gekommen waren. Vielleicht hatten die ja schon Einiges von dem berichtet, was ich zu sagen gehabt hätte.

Sei's drum. Inzwischen bin ich beinahe froh, daß ich kein Mikrofon fand. Erschöpft wie ich war hätte ich vielleicht irgendetwas von "Nie wieder" gesagt. Denn da bin ich inzwischen nicht mehr so sicher ...

Patrik Künstle